[Charakterhintergund] Runhild Grablund

  • Runhild Grablund, ihreszeichens Bardin und Spionin, ist mein erster Aborea-Charakter, mein Hauptcharakter und last but not least mein Lieblingscharakter. Im Folgenden werdet ihr die ein oder andere Geschichte aus ihrem Hintergrund finden. Bitte seht es mir nach, wenn sich hier und da vielleicht eine Lücke auftut. Einige Texte werde ich hier bewusst auslassen, um jüngere Leser nicht zu verstören. Ihr dürft dann einfach eure Fantasie spielen lassen und euch selber denken, was wohl noch so alles zur Ausbildung einer Spionin gehören mag.


    Und weil ich gerne Posts verlinke und Übersichten erstelle, gibt es hier ein kleines Inhaltsverzeichnis über die Geschichten in diesem Thread. Sortiert wird nach chronologischer Reihenfolge. (Noch ist es nur eine, es folgen hoffentlich sehr bald mehr.)

    - Fundstück (insgesamt 3 Posts)


    Kommentare sind natürlich gerne gesehen.

    Viel Spaß beim Lesen!

  • Fundstück

    Teil 1



    Gerda saß hinter dem Gasthaus und genoss ein wenig die kühle Seeluft, die ihr um die Nase wehte. Vor ihr standen Krug und Becher auf dem Tisch. Es war sicher eine gute und lukrative Idee des Wirtes gewesen, in den warmen Monaten zwei seiner Tische mit Bänken nach draußen zu stellen, um seine Gäste dort zu bewirten. Nur leider schien das Gasthaus momentan ein wenig vereinsamt zu sein. Händler hatten sich gerade keine in den kleinen Ort an der Küste verirrt und für die Bewohner war es noch zu früh, um hier einzukehren. Das nicht einmal der Wirt selbst sich blicken ließ, nahm Gerda nur am Rande wahr.

    Eine Weile lang träumte sie vor sich hin und genoss den faulen Tag. Noch wurde ihr glücklicherweise nicht langweilig. Doch Gerda wusste, zu lange würde sie es hier nicht aushalten und spätestens in ein paar Tagen würde sie die Ankunft des Boten, auf dessen Nachricht sie wartete, geradezu herbei sehnen. Irgendwann erregten leise Stimmen ihre Aufmerksamkeit. Sie wandte sich um und blickte in Richtung der anderen Häuser und der kleinen Straße, die sich quer durch den Ort zog. Dort schienen sich gleich mehrere der Anwohner versammelt zu haben. Interessiert schaute Gerda herüber. Doch dank der anderen Häuser konnte sie nicht allzu viel erkennen. Nur eines zeichnete sich vage ab. Es handelte sich nicht um einen Tumult oder das Zusammentreffen aufgebrachter Parteien. Gerda kannte den Tonfall aufgebrachter Personen zu gut, um ihn im Zweifel nicht zu erkennen. Nein, diese Leute wechselten zwar einige Worte, doch war die Stimmung eher ruhig, vielleicht sogar ein wenig gedrückt. Außerdem sprachen sie leise. Genau das weckte nun Gerdas Neugierde. Ein leise gesprochenes Wort war oftmals so viel gewichtiger, als ein lautes. Kurz haderte Gerda mit ihrer Neugierde. Als sie aber sah, dass Bewegung in die versammelten Anwohner kam, stand sie schließlich auf, um die Versammlung etwas näher in Augenschein zu nehmen. Ihren Becher behielt sie dabei in der Hand. Vielleicht erweckte er zumindest bei einigen Personen den subtilen Eindruck, dass sie nur kurz nachschaute, was sich dort tat anstatt eine neugierige Beobachterin zu sein. Wer einen Becher umher trug war normalerweise mit anderen Dingen beschäftigt. Ihre Schritte waren leise, als sie sich der Straße näherte. Dabei schlich sie noch nicht einmal beabsichtigt. Vielmehr war es eine jahrelang antrainierte Gewohnheit für sie, sich leise und diskret zu verhalten. Zumindest wenn man nicht gerade die Aufmerksamkeit des Publikums auf sich ziehen wollte. Betont beiläufig lehnte sie sich an eine Hauswand und betrachtete die Bewohner des Örtchens. Es war kaum zu glauben, wie viele Menschen dieser verschlafene Flecken Erde beherbergte. Sie hatte sich nicht getäuscht, die Stimmung war wirklich etwas gedrückt, doch noch ließ sich der Grund dafür nicht ausmachen. Die Leute schienen sich getroffen zu haben und gingen nun alle gemeinsam auf den Ortsrand zu. Nach wie vor wurden einige bedeckte Worte gewechselt, doch es kam immer mehr Ruhe in die Versammlung. Gerda zog die Unterlippe ein wenig herab. Wäre es nicht helligter Tag gewesen, hätte die Situation etwas Geisterhaftes innewohnen gehabt. So wirkte dies alles einfach nur skurril.

    Natürlich wollte sie jetzt auch wissen, was der Grund für dieses Schauspiel war. Also wartete sie einen Augenblick, dann folgte sie den Anwohnern zum Ortsrand. Die Leute schienen sie entweder gar nicht wahrzunehmen oder ihr einfach keine Beachtung zu schenken. Nun gut, als übermäßig verschlossen hatte Gerda sie bislang auch noch nicht erlebt. Als sie die letzten Häuser erreichte, offenbarte sich ihr der Grund für diesen seltsamen Marsch. Am Rande des Ortes befanden sich einige Gräber, anscheinend unterhielten die Leute hier einen kleinen Friedhof. Jetzt wurde Gerda auch klar, wo die bedrückte Stimmung und das Bedürfnis sich zu versammeln her rührten. Anscheinend war jemand vor kurzem zu Tode gekommen und sollte nun wohl bestattet werden sollte. Wenn sie ehrlich war, enttäuschte sie diese Erkenntnis ein klein wenig. Ein spannendes und rätselhaftes Ereignis hätte ihr die Wartezeit hier im Ort sicherlich versüßt. Sie wollte sich schon abwenden und zum Gasthaus zurück kehren, als eine Stimme leise aber eindringlich über die Gräber hinweg in ihr Ohr kroch. Ein junges Mädchen hatte an einem der Gräber zu singen begonnen. Ihre Stimme war vielleicht nicht von atemberaubender Schönheit aber Gerda kam nicht umhin, ihr dennoch zu lauschen. Das Kind sang ein Totenlied, welches Gerda schon öfters gehört hatte und selber gut kannte. Der wehmütige Klang drang sicherlich bis in die Herzen der versammelten Anwohner vor. Auch wenn ihre Stimme noch lange nicht ausgereift war, bewies die junge Sängerin doch ein gutes Taktgefühl und auch eine gewisse Treffsicherheit, was die Töne betraf. Wäre die Stimmung selbst nicht so trübe gewesen, hätte Gerda es ganz unterhaltsam gefunden. Schmunzelnd betrachtete sie das Mädchen und stockte dann. Die Kleine verzog keine Miene. Sie sang von Abschieden, voller Wehmut, doch auf ihrem Gesicht spiegelte sich kein einziges Gefühl wieder, sondern nur gleichgültige Routine. Für Gerda wurde die Sache nun doch interessant. Allerdings wollte sie die Bewohner des Ortes wirklich nicht bei ihrer Trauerfeier stören. Daher verweilte sie noch eine Weile als Zaungast und zog sich dann erst einmal zurück.


    Eine Nacht verstrich und noch gab es von dem erwarteten Boten keine Spur. Doch nun durfte er sich gerne verspäten, denn Gerda hatte etwas gefunden, das ihr Interesse weckte. Sie hatte sich wieder mit Krug und Becher bewaffnet, dieses Mal jedoch einfach um des Trinkens Willen. Unter den wachsamen Blicken des Wirtes war sie damit zum Strand hinunter gegangen, wo ein paar Kinder spielten. Die kleine Sängerin von gestern war auch unter ihnen, jedoch schien sie mit Abstand die Älteste zu sein und war eher damit beschäftigt, auf die anderen aufzupassen. Gelassen schaute Gerda den Kindern eine Weile zu. Auf deren Neugierde war sicherlich Verlass, sodass früher oder später zumindest eines von ihnen bei ihr vorbei schauen würde. Und mit etwas Glück schickten die Kinder die Älteste und Mutigste vor, eben jenes Mädchen vom gestrigen Tag. Schmunzelnd übte sie sich in Geduld.

    Es dauerte eine Weile, doch schließlich obsiegte die Neugierde der Kinder. Etwas unsicher warfen sie ihr einige Blicke zu und steckten teilweise auch die Köpfe zusammen. Vermutlich tuschelten sie sogar, auch wenn Gerda keine Chance hatte, sie auf die Distanz und gegen das Rauschen der Wellen zu verstehen. Irgendwann beschlossen sie ihrer Beobachterin auf den Zahn zu fühlen und die Sängerin ging langsam auf Gerda zu, während die Anderen Kinder im Hintergrund warteten. Sie war nicht nur älter als die Anderen, Gerda hatte den Eindruck, dass sie auch mutiger wirkte. Das war ein gutes Zeichen. Und tatsächlich wurde dieser Eindruck auch bestätigt, als das Kind sie ansprach.

    "Ist es nicht ein wenig früh um zu trinken?", fragte die Sängerin in bemüht rauem Tonfall. Angriff war wohl gegen eine Fremde, wie Gerda es war, die beste Verteidigung.

    "Stellt man sich nicht normalerweise erst vor? Wie ist dein Name?", antwortete Gerda mit einer Gegenfrage und grinste ob der kindlichen Direktheit, mit der sie nun konfrontiert wurde.

    "Der ist nicht wichtig!", antwortete die Kleine einen Hauch zu schnell. Gerda musste sich Mühe geben, nicht zu kichern.

    "Da ist Milch drin. Möchtest du einen Schluck?", antwortete sie nun auf die anfängliche Frage und hielt dem Mädchen ihren Becher hin. Ihre Gesprächspartnerin blickte nur hinein und schnupperte einmal prüfend, nahm den Becher jedoch nicht an.

    "Ich habe dich gestern singen gehört", fuhr Gerda fort, "Du singst sehr gut."

    "Ist keine große Sache."

    "Das sagst du."

    "Was wollt ihr hier?", das Mädchen behielt seine direkte Art bei.

    "Ich bin nur auf der Durchreise und gönne mir eine Pause", log Gerda ohne zu zögern. Ihre Gesprächspartnerin schwieg und musterte sie prüfend. Nur einen Augenblick später schien sie Gerda für harmlos befunden zu haben und wandte sich ab, um zu ihren Kameraden zurück zu kehren.

    "Warte", hielt Gerda sie zurück. Im Grunde würde sich jetzt schon alles entscheiden. Tatsächlich hielt das Mädchen inne und blickte über die Schulter, drehte sich jedoch nicht wieder ganz herum. "Du hast zwar gesagt, es sei keine große Sache. Aber wenn du die Musik und den Gesang doch ein wenig magst, kann ich dir vielleicht etwas zeigen, dass dich interessiert."

    "Was sollte das sein?"

    Da war er wieder, dieser forsche Tonfall, der eigentlich nur zur Verteidigung diente.

    "Es ist eine Art Instrument, aus den Ländern südlich von hier. Man kann darauf spielen und gleichzeitig tanzen."

    "So etwas gibt es nicht", entgegnete das Mädchen sofort.

    "Nur weil du es nicht kennst? Nun ja, dann muss ich wohl eine Lügnerin sein."

    Die kleine Sängerin verzog das Gesicht ob dieser Provokation. "Beweist es!", forderte sie Gerda auf.

    "Ich habe es grade nicht hier, könnte es aber holen gehen. Nur...", Gerda streckte sich gespielt und feixte, "Im Moment sind der Strand und das Meer noch viel zu einladend. Was hältst du davon, wenn du dich in Geduld übst und am Nachmittag treffen wir uns noch einmal. Vielleicht hinter dem Gasthaus bei den Tischen? Da könnte ich dir dann auch zeigen, wie man dazu tanzt." Das Kind jetzt darum zu bitten ihr zum Gasthaus zu folgen wäre unklug gewesen. Die anderen Kinder wären ihnen sicherlich aus Neugierde gefolgt. Gerda wollte der Kleinen aber alleine auf den Zahn fühlen.

    "Heute Nachmittag. Gut", beschloss das Mädchen und kehrte nun wirklich zu ihren Kameraden zurück. Gerda lehnte sich schmunzelnd etwas zurück und trank selbstzufrieden ihre Milch.

  • Teil 2


    Der Nachmittag kam früh aber Gerda vermutete, dass es sich für das Mädchen wie eine Ewigkeit anfühlen musste. Bereits am Mittag, als die Sonne immer brennender wurde, hatte sie sich auf ihr Zimmer im Gasthaus zurück gezogen. Nun wartete sie geduldig ab und vertrieb sich die Zeit mit einer leichten Lektüre. Ab und an spähte sie vorsichtig aus dem Fenster, um zu prüfen, ob draußen schon jemand Neugieriges herum lungerte. Lange Zeit schien sich jedoch nichts hinter dem Gasthaus zu tun. Zwischenzeitlich begann Gerda schon an der Neugierde des Mädchens zu zweifeln. Doch dann erregte etwas ihre Aufmerksamkeit. Eine Katze huschte kurz durch ihr Blickfeld. Das Tier schien an der Hauswand entlang gelaufen zu sein und machte nun einen kleinen Bogen über die Wiese, bevor es wieder naturgemäß zur Wand zurück kehrte. So etwas war doch eher ungewöhnlich, es sei denn, dass es einen Grund dafür gab, diesen Weg so zu gehen. Leider war die Stelle, welche die Katze umrundet hatte, von Gerdas Fenster aus nicht zu sehen, wenn man sich nicht aus dem Fenster lehnen wollte. Wenn Gerda also nicht ihre Karten offen legen wollte, musste sie wohl oder übel hinaus gehen.

    Innerlich seufzend legte sie Ihr Buch beiseite, nahm das versprochene Instrument mit sich und verließ ihr Zimmer. Draußen wurde ihre Vermutung sogleich bestätigt. Das Mädchen lehnte wartend und betont lässig an der Hauswand. Das sie wirklich gekommen war, stimmte Gerda positiv. Die Kleine war neugierig aber sicher auch mit einem gesunden Mistrauen gesegnet.

    "Da bist du ja schon. Hast du lange auf mich gewartet", begrüßte Gerda das Kind.

    "Nicht sonderlich." Die Antwort klang gleichgültig und leider auch nichtssagend. Das machte es Gerda schwer abzuschätzen, wie geduldig das Kind wohl hier ausgeharrt haben mochte. Ernst und auch ein wenig herausfordernd betrachtete das Mädchen sie.

    "Wo ist das Instrument?", fragte sie schließlich, als sie nirgends einen Hinweis darauf entdecken konnte. Gerda grinste ob der kindlichen Neugierde und zog zwei kleine, hölzerne Schalen aus ihrer Rocktasche hervor. Sie sahen ein wenig aus wie kleine Muscheln und waren mit einem ledernen Band verbunden. Eine von ihnen war ein wenig bauchiger als die Andere, doch ansonsten glichen sie sich völlig. Skepsis spiegelte sich auf dem Gesicht des Mädchens wieder.

    "Damit soll man Musik machen können?", frage sie argwöhnisch. Offenbar hatte sie noch nie zuvor ein solches Instrument gesehen. Gerda nickte bestätigend.

    "Ja. Hier, nimm sie und versuch es einmal", sagte sie und reichte dem Kind das Instrument. Die Kleine nahm es entgegen und drehte die hölzernen Muscheln erst einmal in den Händen. Es dauerte nicht lange, bis sie erkannt hatte, dass man die beiden hölzernen Schalen leicht zusammen schlug, um damit ein klapperndes Geräusch zu erzeugen. Überzeugt wirkte sie aber dennoch nicht.

    "Die machen aber nicht wirklich Musik", stellte sie mit kraus gezogener Nase fest.

    "Doch natürlich", entgegnete Gerda und streckte die Hand nach den Muscheln aus, "Lass mich es dir zeigen." Sie ließ sich das Instrument wieder von dem Mädchen aushändigen und legte es so in ihre Hand, wie sie es von dessen vorherigem Besitzer gelernt hatte. Dann fing sie an, damit rhythmisch zu klappern. Doch noch immer blickte das Mädchen skeptisch drein.

    "Was denn, glaubst du mir immer noch nicht?", lachte Gerda und raffte ihren Rock mit der freien Hand. Zunächst langsam, dann aber immer schneller begann sie im Takt des Klapperns zu tanzen. Das Mädchen verschränkte die Arme, sah aber nicht so aus, als wolle es sich gänzlich gegen Gerdas kleine Darbietung sperren.

    "Die Leute im Süden machen so Musik und tanzen dazu. Komm, willst du es nicht auch einmal versuchen."

    "Ich kann so nicht tanzen", die Kleinen wirkte nun tatsächlich ein wenig defensiv. Doch gerade jetzt mochte Gerda nicht locker lassen.

    "Versuch es doch einfach. Vorher kannst du sowieso nicht wissen, ob du es kannst oder nicht", mit den Rockfalten in der Hand machte sie eine einladende Geste. Zögerlich trat das Mädchen ein wenig nach vorne, wartete dann aber doch wieder ab. Sie lauschte erst einmal ein paar Augenblicke und sah sich Gerdas Schritte an, bevor sie versuchte, diese zu imitieren. Tatsächlich gelang es ihr auch ein wenig, wenngleich sie auch noch etwas unbeholfen wirkte und den Blick ständig auf den Boden richtete.

    "Du hast ein gutes Gefühl für den Takt", lobte Gerda und machte keinen Hehl daraus, wie zufrieden sie mit dem Gesehenen war. Eine Weile setzten sie ihren Tanz noch fort, doch gerade als sich ein Lächeln auf die Lippen des Mädchen stahl, beendete Gerda ihr Spiel.

    "Ich denke das reicht... Vorerst", beschloss sie, legte die Handklappern auf einen nahen Tisch und lies sich auf einer der Bänke nieder. Einladend klopfte sie neben sich auf das Holz. "Darf ich dir ein paar Fragen stellen?" Die Kleine nickte zwar und setzte sich, doch ihr Missmut war nicht zu übersehen.

    "Also fangen wir doch einmal ganz einfach an. Wenn du mir versprichst, es niemandem zu verraten, soll ich dir dann meinen Namen nennen?"

    Das Kind überlegte kurz und schien abwägen zu wollen, in wie weit der reisenden Frau zu vertrauen war. Schließlich nickte sie aber.

    "Gut, aber du darfst es wirklich niemandem sagen. Nicht einmal deinen Eltern. Versprichst du mir das?"

    "Versprochen", antwortete das Mädchen.

    "Na gut. Mein Name ist Gerda. Und wie ist deiner?", ihre Frage schloss sie nahtlos an aber das Kind ließ sich nicht überrumpeln.

    "Versprichst du das Gleiche?", konterte sie. Gerda kam nicht umhin, breit zu grinsen.

    "Versprochen", antwortete sie.

    "Runhild."

    "Ein schöner Name. Sag mal, Runhild, wer hat dir beigebracht so zu singen? War das deine Mutter?"

    Schweigend nickte die Kleine.

    "Hat sie dir auch noch andere Lieder beigebracht?"

    "Ein paar. Aber es sind fast alles Totenlieder." Die Antwort erstaunte Gerda ein wenig. Normalerweise brachte man seinen Kindern so etwas doch weniger bei. Erstaunt sah sie Runhild an.

    "Weshalb denn das?", hakte sie nach.

    "Damit ich nicht immer das Gleiche an den Gräbern singe", sagte Runhild als sei es das Normalste auf der Welt.

    "Das heißt du singst immer, wenn jemand gestorben ist?", es fiel Gerda nun ein wenig schwer, ihre Neugierde zu zügeln.

    "Ja. Vater kümmert sich um die Gräber und ich singe, wenn wir uns von den Toten verabschieden. Und wenn wir Zeit haben, machen Mutter und ich Kerzen."

    Daher also die mangelnde Befangenheit der kleinen Sängerin. Ihr Vater war offenbar der Totengräber. Welch ein wunderbarer Umstand. Denn normalerweise ergriffen Frauen diesen Beruf nicht und es wurde gerade in den ländlicheren Regionen auch nicht gerne gesehen. Für Gerda zeichnete sich immer mehr ein Plan in ihrem Kopf ab. Runhild hatte zweifelsohne ein musisches Talent. Sie war neugierig aber immer noch vorsichtig dabei. Und eine gewisse Wortgewandtheit kündigte sich auch bereits an. Im Grunde war sie eine perfekte Kandidatin für den Orden. Eine letzte Frage lag Gerda aber noch auf den Lippen.

    "Weißt du eigentlich schon, ob du das später auch machen möchtest? Also wenn du groß bist?"

    "Keine Ahnung", sagte Runhild und zuckte gleichgültig mit den Schultern. Überraschender Weise rutschte sie von der Bank herunter und beschloss, dass sie nun genug Fragen beantwortet hatte.

    "Darf ich mir die hier ausleihen?", fragte sie gerade heraus und deutete auf die Handklappern.

    "Weißt du was, ich schenke sie dir", meinte Gerda mit einem Augenzwinkern. Schmunzelnd nahm sie den Dank des Kindes an und dachte darüber nach, ihren Eltern einmal einen Besuch abzustatten.

  • Teil 3



    Tiefes Schweigen erfüllte den Raum, als Gerda am Abend bei Runhilds Eltern in der Stube saß. Der Vater des Kindes saß ihr gegenüber am Tisch, während die Mutter ab und ein paar Schritte durch den Raum ging und Gerda mit frostigen Blicken aufspießte.

    "Was Ihr verlangt ist nicht wenig", noch war der Vater recht gefasst aber Gerda konnte sich vorstellen, dass sich diese Laune rasch ins Negative kehren konnte. An die Mutter musste sie sich gar nicht erst wenden, das war gewiss. Denn Gerda war gerade im Begriff ihnen ihr einziges Kind zu stehlen. Zumindest war es in den Augen der Mutter nichts anderes als ein Diebstahl, ganz gleich zu welchem Preis das Kind ausgelöst werden sollte.

    "Das ist mir durchaus bewusst. Aber seht es doch einmal so, wenn ihr sie in meine Obhut gebt, dann wird sie die Chance erhalten einmal eine große Frau zu werden. Ihr habt es selber bereits gesagt, sie wird Euer Werk hier nicht fortführen. Ihr braucht einen jungen Burschen, den Ihr ausbilden könnt. Außerdem habt Ihr sie noch nicht an jemanden verheiratet. Wenn Ihr sie mir mitgebt, dann kann sie einen Beruf erlernen."

    "Beruf?", mischte sich die Mutter nun ein, "Spiele und Narrheiten sind das. Was wird sie für ein Leben führen, das einer Landstreicherin?"

    "Ganz sicher nicht. Soll sie denn bis an ihr Lebensende Kerzen ziehen, anstatt das zu tun, wozu sie ein Talent hat?"

    "Ich bitte euch!", fuhr der Vater dazwischen, ohne sich genau festzulegen, welche der Frauen er nun meinte.

    "Verzeiht, mein Herr. Ich möchte Euch nur wirklich zu bedenken geben, wäre das Mädchen nicht eure Tochter, sondern euer zweitgeborener Sohn, dann würdet Ihr weit weniger zögern, sie fort zu schicken und ein Handwerk erlernen zu lassen. Ihr habt es selbst gesagt, Eure Frau kann anscheinend keine weiteren Kinder bekommen und Ihr müsst euch so oder so einen Burschen suchen, der einmal Eure Nachfolge antritt. Eure Tochter wird schließlich nie als Totengräberin angesehen werden.", Gerda ließ nicht locker. Der Vater lehnte sich auf seinem Stuhl zurück. Man merkte, dass er angestrengt über Gerdas Worte nachdachte.

    "Sie würde auf den Bestattungen und beim Ziehen der Kerzen fehlen", bemerkte er schließlich. Seine Frau sog daraufhin scharf die Luft ein. Gerda hingegen hatte auf solch ein Argument gehofft. Sie vermied es schelmisch zu grinsen und warf statt dessen einen Beutel voller Münzen auf den Tisch.

    "Das dürfte ausreichen, bis Ihr einen Ersatz gefunden habt. Und wenn mein Bote in ein paar Tagen eintrifft, lege ich noch einen weiteren Beutel drauf. Bitte, ziert Euch nicht, zählt ruhig nach."

    "Du willst doch nicht etwa unser Kind verkaufen?", rief die Mutter dazwischen. Ihre Stimme überschlug sich beinahe.

    "Wenn er sie verheiraten würde, dann gäbe er sogar noch eine Aussteuer mit drauf. Ihr würdet also beides verlieren, Kind und Geld", fuhr Gerda ihr ins Wort. Dann wandte sie sich wieder an den Vater.

    "Mir liegt das Wohl Eurer Tochter wirklich am Herzen. Und wie Ihr seht, lebe ich auch nicht wie eine Vagabundin. Bei mir könnte sie viel lernen und mit ein wenig harter Arbeit auch ein gewisses Ansehen erreichen. Wenn sie einmal ausgelernt hat und ihr das Leben einer Künstlerin missfällt, dann steht es ihr immer noch frei hierher zurück zu kehren und sich Mann und Heim zu suchen. Das Einzige was ich verlange ist, dass Ihr dem Mädchen eine Chance gebt, etwas zu erlernen, dass ihren Fähigkeiten entspricht."

    Sie stand auf und ging um den Tisch herum, um dem Vater eine Hand auf die Schulter zu legen.

    "Ich lasse Euch nun alleine, sodass Ihr in Ruhe darüber nachdenken könnt. Nur bitte seht es mir nach, dass ich nicht ewig warten kann. Mein Bote wird in einigen Tagen hier eintreffen. Bis dahin muss die Entscheidung gefällt sein."

    Sie ging zur Tür und wünschte den Eltern eine gute Nacht, wohlwissend, dass sie keine haben würden. Den prallen Geldbeutel ließ sie auf dem Tisch liegen. Er würde dem Vater gewiss beim Nachdenken helfen.

    Auf dem Weg zurück zum Gasthaus dachte sie über das Gespräch nach. Im Grunde war das Gespräch so gelaufen, wie sie erwartet hatte. Niemand gab leichtfertig sein Kind her, selbst nicht bei solchen Reputationen, wie Gerda sie vorgelegt hatte. Dennoch, das Geld würde den Vater ganz sicher locken. Als Totengräber verdiente er nicht viel und vor allem auch nicht regelmäßig. Alleine die Summe, die sie auf den Tisch gelegt hatte, würde ihn und seine Frau eine Weile gut versorgen. Um Runhild unter ihre Fittiche zu nehmen würde Gerda die Summe sogar noch verdreifachen. Sie lachte kurz, bei dem Gedanken daran, dass der Betrag schon beinahe lächerlich hoch war im Vergleich zu dem, was man weiter im Süden für ein Kind bezahlte. Dennoch, der Orden konnte es sich leisten und Runhilds heller Teint diente ihren Zwecken besser, als südländisches Feuer.

    Während sie durch den Ort ging, fragte sie sich, ob das Mädchen vielleicht in ihrem Bett gelegen und gelauscht hatte. Zuzutrauen wäre es ihr und so grausam es klingen mochte, die Erkenntnis, dass ihr Vater in Erwägung zog sie zu verkaufen, würde ihr den Abschied letztendlich erleichtern.


    Einige Tage später stand Gerda unschlüssig vor dem Gasthaus. Das Gewissen plagte sie und hinderte sie daran, nun auf direktem Wege zum Haus des Totengräbers zu gehen. Wenn sie es darauf anlegte, könnte sie ungesehen abreisen und das Mädchen einfach hier bei seinen Eltern zurücklassen, ganz gleich ob der Vater nun in ihr Angebot einwilligte oder nicht. Für das Kind wäre es sicher kein schlechtes Schicksal, vielleicht sogar das bessere. Innerlich fluchte Gerda. Sie hatte angefangen Runhild zu mögen. Im Blick auf die schlimmen Dinge, die sie der Kleinen zweifelsfrei antun würde, durfte sie das Kind aber nicht mögen, zumindest nicht zu sehr.

    Gerda schalt sich selbst für diese Gedanken. Schließlich gab sie sich einen Ruck und steuerte das Haus des Totengräbers an. Vor dem Haus standen Mutter und Tochter beisammen und hängten ein paar frisch gezogene Kerzen auf. Kaum dass Gerda in Sichtweite kam, schickte die Mutter Runhild ins Haus. Als Gerda schließlich das Haus erreichte, kamen Ihr Vater und Tochter durch die Türe entgegen. Das Mädchen hatte eine dick gepackte Tasche bei sich. Höflich reichte Gerda dem Vater die Hand.

    "Wir sind uns also einig?", ihre Frage war vielmehr eine Feststellung. Der Vater bejahte dies und wies Mutter und Tochter an, sich von einander zu verabschieden. Währenddessen überreichte Gerda ihm einen Geldbeute, der mehr als doppelt so groß war, wie der erste. Schweigend nahm der Totengräber das Geld an sich und beugte sich dann zu seiner Tochter herunter, um dieser etwas zuzuflüstern. Tränen begannen zu fließen aber Gerda sah auch, wie das Mädchen versuchte, diese tapfer herunter zu schlucken. Noch einmal drückte er sein Kind, dann gab der Vater sie Gerda an die Hand.

    "Sie wird es gut haben", versicherte Gerda ihm noch einmal. Mit einem Abschiedsgruß wandte sie sich zum Gehen um.

    "Gabriella", rief die Mutter ihr hinterher, "Sorgt dafür, dass Ihr kein Leid wiederfahren wird."

    Die Worte waren barsch und voller Hass.

    "Versprochen", log Gerda und schlug mit Runhild an der Hand den Weg zur Straße ein. Nach ein paar Metern wischte sich das Mädchen die Tränen aus dem Gesicht und flüsterte: "Aber du heißt doch gar nicht Gabriella."

    "Richtig", lächelte Gerda, "Und ich habe dir auch gesagt, dass mein Name ein Geheimnis ist."

  • Wow, echt fesselnd. Ich mag deinen Schreibstil und schon jetzt kann ich mir in vielen Farben ausmalen, was diesen Charakter zu deinem Lieblingscharakter macht. Und es interessiert mich natürlich wie es weitergeht ;)

    Auf jeden Fall sehr schön, weiter so :thumbup: